Einhundertjähriges Jubiläum feiert der Motettenchor Lörrach in diesem Jahr, und ich singe nun auch schon ein Vierteljahrhundert in diesem Chor.
Es gibt dort seit langem ein schönes Ritual: in der ersten Probe eines jeden neuen Jahres singen wir zu Beginn das Neujahrslied von Felix Mendelssohn- Bartholdy (1809-1847), es ist das erste der sechs Lieder des Op. 88 (komponiert 1844). Wir haben den vierstimmigen Satz auch gestern gesungen, assai sostenuto wie angegeben, aber doch nicht zu sehr getragen. Dabei fiel mir auf, dass auf dem Notenblatt zwar der Komponist, aber nicht der Textdichter vermerkt ist – ich habe recherchiert, und zu meinem Erstaunen beruht der von Mendelssohn etwas angepasste Text auf einem Gedicht des aus hiesiger Region stammenden Johann Peter Hebel (1760-1826). Das Gedicht war 1834 in der Ausgabe J.P.Hebels Sämmtliche Werke erschienen. Ich zitiere den Text nach der Liedfassung:
Mit der Freude zieht der Schmerz/traulich durch die Zeiten;/Schwere Stürme, milde Weste,/ bange Sorgen, frohe Feste/wandeln sich zur Seiten.
Und wo manche Träne fällt,/blüht auch manche Rose,/schon gemischt,/noch eh wirs bitten,/ist für Thronen und für Hütten/Schmerz und Lust im Lose.
Wars nicht so im alten Jahr?/Wird’s im neuen enden?/Sonnen wallen auf und nieder,/Wolken gehn und kommen wieder,/und kein Wunsch wird’s wenden.
Gebe denn, der über uns/wägt mit rechter Waage,/jedem Sinn für seine Freuden,/jedem Mut für seine Leiden/in die neuen Tage!

Das Foto zeigt den 54-jährigen Johann Peter Hebel mit der 19-jährigen Elisabeth Baustlicher auf einer Lithographie nach einem Originalgemälde von C.J.A. Agricola, geschätzt um 1880. Die Lithographie gehört zur Sammlung des Dreiländermuseums Lörrach, die Postkarte habe ich vorgestern dort erworben. Eine Bildnisminiatur von Agricola (Doppelbildnis Johann Peter Hebel mit Elisabeth Baustlicher) befindet sich im Historischen Museum Basel. Das Motiv hieß gemäß Angaben des Hebelbundes in einem BZ-Artikel vom 16.04.2010 „Hebel und Vreneli“, es sind mehrere Varianten von Lithographie-Vorlagen erschienen, z.B. in Wien, in Karlsruhe und in Paris. „Hebel hat dieses Vreneli nie gesehen“ ist der Artikel überschrieben, das Doppelportrait von Agricola ist am unteren Bildrand genau beschriftet, so dass die Identitäten der Portraitierten, die sich nie begegneten, klar sind: Elisabeth Baustlicher von Langendenzlingen, alt 19 Jahr, gez. den 29.November 1814 von Carl Agricola. J.P.Hebel von Basel. Alt 56 Jahr. gez. den 6.December 1814 in Karlsruhe, C.A. (Eigentlich war Hebel zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt). Über das Leben der 1795 geborenen Elisabeth Baustlicher aus dem heutigen Denzlingen (wo ich auch einmal eine Weile wohnte) existieren keine Aufzeichnungen. Man vermutet, dass mit der in Markgräfler Tracht Dargestellten Hebels Verbundenheit mit seiner ländlichen Heimatregion unterstrichen werden sollte. Hebel hatte auf alemannisch ein Gedicht verfasst „Hans und Verene“ (Alemannische Gedichte). Das Basler Doppelportrait war zum 225. Geburtstag Hebels im Jahr 1985 die Vorlage für die 80-Pfennig-Briefmarke der Deutschen Bundespost.
