Interview im Kochdunst 8

Salve, liebe Frau A., hören Sie mal, Sie haben mich schon lange nicht mehr in Ihre Töpfe und Pfannen schauen lassen. Ich liebe doch Töpfe gucken. Und Pfannen riechen. – Hallo. – Hallo? Nur hallo? Diese bl… , üblich gewordene Mail-Ansprache? Von Leuten, die man gar nicht kennt? Hallo Herr Sowieso, hallo Frau Irgendwer. Ist das alles, hallo? – Ja. – Nur ja? Wieso sind Sie denn heute so knapp? – Ich bin knapp? K – n- a- pp? Was für ein Wort. Passt jedenfalls zum Inhalt. Kurz und gut. Knackig sozusagen. – Knackig? Na, Sie machen mir Spaß! – Sehen Sie! – Was? – Knapp ist das neue üppig. Hat auch das doppel p, pp, pp,…erinnert mich an Stimmübungen. – Stimmübungen? Wir wollten doch kochen! – Sie wollten kochen, ich nicht. Stimmübungen im Chor, tt, ff, ss, ttt, fff, sss, aber bitte mit Schmackes! Und natürlich bitte rhythmisch korrekt die Konsonanten rauspfeffern, 3,2,1, ttt, ff, s. – Pfeffern, doppel f, ff, liebe Frau A., da kommen wir doch endlich zurück zu den Töpfen und Pfannen. – Moment! Knapp, knapp, hat Knappe auch was mit knapp zu tun? Muss ich sofort nachschauen! Aha, aha, vermutlich ein gemeingermanischer Wortstamm für eng und kurz. Ha, sag ich’s doch, kurz und gut. Im Niederländischen würde ‚knap‘ auch klug bedeuten, meint die KI. Juii, das gefällt mir. Im Schwedischen dürftig, kärglich, sparsam. Hm, klingt nicht attraktiv. Oder vielleicht verwandt mit kneifen, knicken, kneten, meint auch das DWDS. – DWDS? Immer diese knappen Kürzel, nicht gut! – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. – Ah so. Bitte jetzt die Töpfe. – Nee, wir brauchen noch die Knappen. Wurden die geknetet? Geknickt? Haben sie gekniffen? Oh, das wäre ihnen schlecht bekommen, den Schildknappen oder Edelknaben, die einem Ritter dienten und selbst zum Ritter ausgebildet wurden. – Stimmt, Frau A., ich erinnere mich, Knappe kommt vom althochdeutschen ‚knappo‘ für Knabe, wir hätten da ja auch noch die Knappen im Bergbau. – Na, so tief wollen wir jetzt aber nicht graben. Höchstens in unseren Beständen. – Ach, Sie lassen sich doch erweichen! – Ich? Nee, mein Lieber, ich nicht, der Kürbis lässt sich erweichen. Den Hokkaido hab‘ ich hier gefunden. Herbstknapp. Herbstüppig. – Herbstüppig? – Ja, schauen Sie doch die Farbe, üppig, üppig, üppig, mit mindestens zwei p. Wird man ganz fröhlich von. – Wenn Sie meinen. Bin ja froh, dass Sie etwas abgerückt sind von knapp. – Nee, da bleibe ich ganz bei. Knappe Zutaten. Kürbis andünsten in Olivenöl. Bisschen frische Knoblauchwürfelchen dazu. Die üblichen Verdächtigen: Kräutersalz, Koriander (gemahlen), ah hier taucht der Pfeffer wieder auf. Eine Kelle vom Kochwasser der Spaghetti dazugeben. – Spaghetti? Was machen die denn da? – Naja, irgendwo muss die Italianità ja herkommen. – D’accordo, ich stimme ein, äh zu. – Genug erweicht. Ab mit Euch in ein hohes Gefäß, jetzt rückt Euch der Pürierstab zu Leibe! – Huu, Frau A., jetzt geht’s aber zur Sache. – Summ, summ, summ, nur mit niedriger Drehzahl, wir wollen ja ein hübsches orangenes Liedchen. Und die Kochsahne freut sich schon aufs Reinfließen und Verfeinern. – Mmmmh, mir fließt gleich auch etwas, ich meine läuft, also das Wasser im Munde zusammen. –  Gut, denn das von den Spaghetti hab‘ ich grad abgegossen, einen Teil noch zur Kürbissauce, wegen der richtigen Konsistenz, Sie verstehen! – Ja, vollkommen, aber bitte nun keine weiteren Verzögerungen, sondern ab mit dem Ganzen auf die Teller! – Gemach, gemach, ein bisschen noch rauszögern, den Genuss. Die Sauce soll doch auch wärmen, nochmal kurz auf den Herd. Solange die Zesten abschaben von der Bio-Zitrone, oder wenn Sie es unisono wollen, von der Bio-Orange. – Stellen Sie mich jetzt etwa an in Ihrer Küche? – Nee, Herr Spürnase, kein Knappe, hab‘ alles schon erledigt. Hier die Teller (kurzes Geklapper), ein Spaghetti-Nest drauf, die haben noch Biss, ss, perfetto, tt, die herbstüppige Kürbissauce drüber, toppen, pp, mit gehackten Pistazien und den Zesten, dann last but not least Burrataflocken, rr, sonst fühlen sich die Spaghetti so allein in ihrer Italianità! – Ich bin platt, liebe Frau A., einfach platt, ganz knapp, tt, pp.