Wir folgen nicht weiter der Prozession mit dem Leichnam der Hl.Ursula durchs Kölner Stadttor, sondern suchen an der Stirnseite des linken „Seitenschiffs“ eine andere Heilige auf: Katharina von Alexandrien, die auch in der orthodoxen Kirche verehrt wird und zu den sogenannten Virgines capitales gehört, den vier großen heiligen Jungfrauen. Wen oder was sie nicht alles beschützt! Die Versammlung reicht von Jung- und Ehefrauen über Müller, Bäcker, Näherinnen und Buchdrucker bis hin zu Philosophen und Theologinnen, von Kirchengebäuden und Krankenhäusern bis zu Universitäten und Hochschulen. Die Hl.Katharina ist auch die Patronin der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwig- Universität Freiburg und – was uns besonders gefällt – eine Helferin bei Sprachschwierigkeiten und Leiden der Zunge. Viele dieser Zuschreibungen basieren auf Katharinas außerordentlicher Gelehrsamkeit, von der die Legende erzählt, der Überlieferung nach lebte sie im dritten bis frühen vierten Jahrhundert n.Chr. und erlitt unter dem römischen Kaiser Maxentius (oder aber Maximinus Daia oder unter Maximinian) das Martyrium. Die heutigen Forscher halten die Hl.Katharina für eine fiktive Gestalt, basierend auf der realen spätantiken Philosophin, Mathematikerin und Astronomin Hypatia aus Alexandria (um 360- 415/416 n. Chr.), die von einem Mob aufgebrachter Christen ermordet wurde. In der Legendenbildung wurden also die Rollen der Übeltäter getauscht. Unsere Hl.Katharina im roten, goldgesäumten Mantel und mit goldener Krone, die sowohl auf ihre königliche Abstammung als auch auf ihren Glaubenssieg weist, hält ein aufgeschlagenes Buch in der rechten Hand, in das sie konzentriert schaut, mit der Linken umgreift sie wie selbstverständlich das Instrument ihres Martyriums: das Schwert, mit dem sie enthauptet wurde. Sie ist aus wieder anderem Holz geschnitzt als dem, welches unseren vorigen beiden Begegnungen als Material diente: waren es dort Pappel- und Nadelholz, nahm der Künstler einer Straßburger Werkstatt Ende des 15.Jahrhunderts hier Lindenholz für seinen Auftrag. Lindenholz gilt wegen seiner geringen Dichte und seiner feinen Struktur ohne Astansätze als leicht in alle Richtungen zu bearbeiten, belesen wir uns, außerdem nimmt es Farben oder Lacke freudig und gleichmäßig an, unsere Katharina erhielt ihre bis heute sichtbare Farbfassung vermutlich im 17.Jahrhundert bei der barocken Neugestaltung des Flügelaltars von Obersimonswald, in dessen Schrein sie beheimatet war. Roter Sandstein der Münsterturmfiguren, verschiedene Baumhölzer der anderen Exponate in der „Kirche“ des Augustinermuseums – es umgibt uns also das Material der nahen Umgebung. Der Obersimonswälder Katharina fehlt ein Insignium: das durch ein Wunder gesprungene Rad, mit dem sie schon hatte gemartert werden sollen. Auch einen Palmzweig können wir nicht entdecken, andere Pflanzen blühen auf ihrem Gewand – und dann, was sehen wir da? Wenn wir sie von der Seite betrachten? Blüht da nicht noch etwas? Etwas, das ihre Jungfräulichkeit Lügen strafen würde? Hatte der Meister in der Straßburger Werkstatt etwa eine Schwangere als Modell?
(Addendum: weil heute Vollmond ist samt partieller Mondfinsternis: 1935 wurde ein Mondkrater von der Internationalen Astronomischen Union nach der Hl.Katharina von Alexandrien benannt: der Einschlagkrater Catharina auf der Mondvorderseite westlich des Mare nectaris.)

(Fortsetzung folgt)
