
Glänzend erheben sich die glasierten Keramiken aus dem Teich des Water Garden, der nach einem Entwurf des belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets (geb.1975) neu auf dem Vitra Gelände angelegt wurde. Bas Smets, der auch die Neubegrünung rund um die Kathedrale Notre- Dame plante, hat die Vision, den Vitra Campus in einen lebenden Organismus umzuformen mit Hilfe von Pflanzen, Bäumen und Wasser. Gleichzeitig sollen dabei neue Orte zum Flanieren und Verweilen geschaffen und die Klimaresilienz des Campus gefördert werden. Regenwasser speist den Teich. 2024 wurden 8000 Jungbäume gepflanzt, um nach dem Konzept des japanischen Pflanzensoziologen Akira Miyawaki (1928-2021) „Mikrowälder“ entstehen zu lassen. Weitere sollen hinzu kommen.
Die Keramikskulpturen der Niederländerin Hella Jongerius (geb.1963) gehören zur Werkserie Angry Animals und lassen zunächst so gar nicht an Grazien denken, sind es doch Haifische, die da ihre Köpfe recken und in geöffneten Mäulern die scharfen Zähne ihres Revolvergebisses präsentieren. Dass aus den aufgerissenen Mäulern auch ein schmaler Wasserstrahl springen darf, mildert kaum den „angry“-Eindruck. Die Künstlerin selbst gab mit Eigen- und Hintersinn ihren Geschöpfen den Namen: „Die drei Grazien verkörpern Schönheit, Freude und Fülle – Werte, die zunehmend gefährdet erscheinen. Die Figuren sind mächtige Wächterinnen, die diese Ideale schützen und bewahren“.

Als ich den Teich Anfang Juli umrundete, ahnte ich noch nicht, dass mir kurz darauf die drei Grazien Aglaia (die Strahlende), Euphrosyne (die Frohsinnige) und Thalia (die Blühende) erneut entgegenkommen würden im bewundernswerten Text einer anderen Kursteilnehmerin der Schreibschule Sent (kleine Geschichte zu einer alten Fotografie). Auf dem Pfad des Vitra-Geländes war ich beinahe allein unterwegs und wäre nicht die Tür verschlossen gewesen, hätte ich mich sofort an den Tisch des Maison Démontable gesetzt und notiert (Architekt und Designer Jean Prouvé, 1901-1984). So aber zog mich der Schlangenweg des Doshi-Retreat immer tiefer ins Erdreich und mit Klängen einer keramischen Flöte hin zu denen des großen Gongs.

