Vom schneeweißen Marmor und anderen Weltmaterialien

Uiuiuiiii – ist das ein Feuerwerk an Wissen, Ideen und Gedanken, das die 1980 geborene Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky am Abend des 6.Mai im Basler Literaturhaus zündet! Leider habe ich bisher von ihr, die auch Mitherausgeberin der wunderbaren Reihe Naturkunden (Matthes & Seitz-V.,Berlin) ist, noch nie etwas gelesen. Als ich aber in den letzten Tagen über ihr neues Werk Marmor, Quecksilber, Nebel las und sah, dass sie kurz darauf im Literaturhaus Basel zu Gast sein würde, wusste ich sofort: ich muss dahin. Aus Texten und Textfragmenten für die Frankfurter Poetik-Vorlesung (2025 Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist) ist das Buch entstanden und auch von der Autorin selbst gestaltet worden. Woraus die Welt gemacht ist, diesem nicht gerade klein zu nennenden Thema stellt sich die Autorin mit all ihrem Einfallsreichtum, ihrem großen Hintergrundwissen, ihren fleißigen und akribischen Recherchen, ihren „Gedankengirlanden“, ihrem Sprachwitz und Humor. Judith Schalansky sei eine der geistreichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, meint der Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist Denis Scheck. Jedenfalls erfährt man in Basel ungeheuer geistsprühend nicht nur, woraus die Welt, sondern auch woraus und wie Schalanskys Texte gemacht sind. Die unerwartet berührende Begegnung mit einem Block aus Thassos-Marmor, berühmt für ein Weiß von frischgefallenem Schnee, ist die Initialzündung für das Triptychon der Texte, welche Buchbesprechungen mit windungsreich, überraschend, mal Essay, mal Erzählung charakterisieren und denen spielerische Präzision attestiert wird. Wer Spaß an Hieroglyphen hat, dem traut man auch zu, dass er dem Marmor lauscht, rekapituliert Schalansky eine Wahrnehmung. Die sehr gut und mit persönlichem Touch zwischen Aktion und Zurückhaltung changierende Moderatorin Jennifer Khakshouri konstatiert, dass Schalanskys Sprache sehr flüssig sei, man sei sozusagen bei Schalanskys Erleben dabei. Außerdem wisse man, dass Schalansky eine sehr gründliche Rechercheurin sei (kurze Irritation, wie heißt es richtig? J.Sch. schlägt ‚Rechercheuse‘ vor), aber wie mache man nun daraus das Geschriebene? Antwort J.Sch.: harte Arbeit. Sie arbeite immer, ihr gesamtes Erwachsenenleben lang, in der Staatsbibliothek Berlin, dem Sharoun-Bau, auch weil man sich da jeden Tag wieder an einen leeren Schreibtisch setzen könne, im Gegensatz zum Schreibtisch zuhause. Genau diese Metamorphose mache ihr ja Freude beim Schreiben : wie kann sie das Material in literarische Sprache umsetzen. Am Basler Abend ist zu erleben, dass Judith Schalansky auch beim spontanen Sprechen inhaltlich und sprachlich großartige Sätze gelingen. Und das Lesen aus allen drei Aggregatzuständen des Buches gerät ebenfalls zum Genuss: Tempo-, Rhythmus-, Stimmlagen- Artikulations- und Lautstärkenvariationen werden mühelos jongliert. Keine Fragen, nur Schlussapplaus im fast, aber nicht ganz ausverkauften Literaturhaus, in dem ich auch den Schriftsteller Alain Claude Sulzer im Publikum gesichtet habe. Fasziniert, aber auch eingeschüchtert, bleibt mir nur, das Buch und weitere von Judith Schalansky auf meine Leseliste zu setzen.

(Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp-V.2026

(NB.: ich erinnere mich, in den 1980er Jahren für meine kleine Dissertation in Geschichte der Medizin Eugen Neter, ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes im Sharoun-Bau der Staatsbibliothek Berlin recherchiert zu haben)