Friedhof am Hörnli

(zu Friedhof siehe auch Blogeintrag vom 26.Juli 2025)

Die zweite Woche nach Ostern hatte das Thema Friedhof gepachtet, obwohl man doch gerade von der Auferstehung kam (vielleicht auch gerade deshalb?). Wie man weiß, liebe ich Friedhöfe: die Stille, das memento mori, all die Namen und Daten, die Gesellschaft von Gießkannen, Grabmalen, Statuen, die Fragen, vor die sich das Gärtnern schiebt.

Das Thema der Kalenderwoche 16 startete bereits am Samstag, den 11.April, mit einem längeren Artikel der Wochenendbeilage der Badischen Zeitung  zu unerwünschter Werbung für Sterbeversicherungen, die dem Autor wohl immer wieder in den Briefkasten flattert und deren Intention er sich verweigert. Er möchte gerne noch ein Weilchen am Leben bleiben und kommt daher im Artikel zur abschließenden Aufforderung „Machen Sie Geschäfte mit dem Leben“, solche Geschäfte würde er dann unverzüglich unterschreiben.

Wie genau man sich das vorzustellen hat, sei dahin gestellt, vielleicht aber so, wie ein weiterer Artikel der BZ am Donnerstag, den 16.April, empfahl, nämlich Lottogewinne lieber zu Lebzeiten zu verkosten, und nicht – wie „im schönen Westerwald“ geschehen – lediglich der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. Der 16.April ist der Geburtstag des vielseitigen Menschen Sir Peter Ustinov, dessen Grabplatte auf dem Friedhof CH-Bursins laut Wikipedia außer dem Namen und den Daten 1921-2004 noch die Bezeichnungen „Writer-Actor-Humanist- Musicien-Membre de L’Institut“ trägt. Das Geburtstagsdatum reichte dem Autor der BZ-Kolumne Unterm Strich (Dominik Bloedner) offenbar zur Vernüpfung mit anderen Meldungen, und so ließ er Sir Peter Ustinov antworten auf die Frage, ob es „Glückspilze im schönen Westerwald“ gibt: „Was der Sinn des Lebens ist, weiß keiner genau. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.“

Zumindest mit dem zweiten Teil der angeblich Ustinov’schen Sätze erklärte ich mich einverstanden und war außerdem am Montag, den 13.April, mit noch einem BZ-Artikel „Zur Ruhe (ge)kommen auf dem Hörnli-Friedhof“.  Ach nein, stimmt nicht ganz, an diesem Tag beschäftigte mich ja ein ganz anderer Gottesacker, den Hörnli-Friedhof musste ich nachholen. Katharina Kubon hatte in ihrem Artikel mit Worten und Fotografien den größten Friedhof der Schweiz beworben, viele Menschen würden die friedliche Atmosphäre auch zum Spazierengehen benutzen, Parkbänke die Möglichkeit bieten, Ruhe zu genießen, meist sei nur das Zwitschern der Vögel zu hören, in den Artikel fiel dann aber auch das tiefe Brummen eines Rasenmähers ein. Außer Beschreibungen der Wege, der Kapellen und Pflanzen, der Einzelgräber und Gemeinschaftsfelder, des Bärlauch-Geruchs und der Schriftzeichen aus verschiedenen Kulturkreisen vergaß die Autorin auch nicht, die auf dem Friedhofsareal verteilten Toiletten zu erwähnen.

Ich glaube mir selber kaum, dass ich bisher das 54 Hektar große Gelände nicht kenne, obwohl es im schweizerischen Nachbarort liegt und mit dem E-Bike leicht zu erreichen ist. Also radle ich am Ende der 16.Kalenderwoche Richtung Hörnli. Der Name leitet sich vom benachbarten Grenzacher Horn ab, einem Muschelkalkfelsen am Rand des Buchswalds und des Oberrheinischen Grabenbruchs, mit herrlichem Weitblick auf den Rhein und darüber hinaus. Vom Hörnli-Friedhof ist der Rhein nicht zu sehen, seine unmittelbare Nähe nur zu ahnen. Der Nachmittag hat einen Sonne-Wolken-Mix und fast sommerliche Wärme, ich betrete den Gottesacker durch einen Nebeneingang und bin sofort von der Parkatmosphäre gefangen. Alte Bäume filtern das Licht, breite Wege führen in die Ferne, schmale Pfade in Winkel, steinerne Gestalten kauern auf Sockeln oder stehen aufrecht mit gesenktem Blick, manche haben Flügel, manche falten die Hände, andere breiten die Arme aus, wieder andere herzen Tiere. Eine stille, einvernehmliche Gesellschaft, kaum gestört durch ein paar Vereinzelte, die sich im riesigen Rechteck des Geländes bewegen. Blauregen fällt über eine Mauer, eine Magnolie hat noch Blüten, das Weiß von Rosenbüschen dominiert die Mitte des Areals. Kletternde Efeuranken und Grünvariationen der Unkräuter beleben so manche Grabstätte, andere Gräber wiederum glänzen als Mini-Gärten gestaltet. Fische, Schafe, Hunde, auch Rehe begleiten mich und jene, auf deren irdischer Vergänglichkeit sie treu verweilen. Mir kommt eine Information aus dem Zeitungsartikel in den Sinn: muntere Rehe hatten sich auf dem Hörnli-Friedhof zu wohl gefühlt und sprunghaft vermehrt, das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel gab die Jagd frei, Überlebende wurden eingefangen und in den Kanton Jura umgesiedelt. Als ich schließlich beim Tor des Haupteingangs ankomme und auf die Allee aus Eibenkuben blicke, deren Achse zu einem von zwei großen klassizistischen Gebäuden gerahmten Plateau leitet, weiß ich nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Ich schaue auf die Uhr und eine Tafel mit Öffnungszeiten, noch gelten trotz der sich zum Sommer streckenden Abende und Temperaturen Winteröffnungszeiten. Ich lasse also die Allee und den breiten Treppenaufgang für einen nächsten Besuch, zumal die Friedhofssammlung, das Schweizer Museum für Bestattungskultur, an diesem Tag ohnehin nicht geöffnet ist. Kaum habe ich das Tor passiert, weicht die Stille, es dauert etwas, bis ich mit Geräuscheinfall und Alltagsoptik zurechtkomme, dann steige ich aufs E-Bike, das ich über Wege und Pfade des Gottesackers geschoben habe, und radle Richtung Rhein.

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