
Bleiben wir im Italienfieber. Das uns schon früh befallen hat. Oder uns eingeimpft wurde. Auch Lektüren trugen dazu bei. Die man uns früh überreicht hat. Wie zum Beispiel Die Geschichte vom hölzernen Bengele, die in Italien allen Kindern bekannt war und hoffentlich noch ist. „Nenne einem italienischen Kinde Pinocchio, und seine dunklen Augen schauen zu dir empor im leuchtenden Glanz der Freude, hast du ihm doch den Namen eines Freundes ausgesprochen. Alle kennen ihn, den allzeit lustigen hölzernen Kleinen.“- heißt es im Vorwort zur ersten Auflage der deutschen Übersetzung des Pfarrers Anton Grumann (Florenz, Juli 1913). Die Eltern schenkten mir die 1968 im Herder-Verlag erschienene und mit zart colorierten Zeichnungen versehene vierundachtzigste Auflage der deutschen Fassung zum zehnten Geburtstag. „Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann“ ist die Überschrift des ersten Kapitels, das so beginnt: „Es war einmal… ‚Ein König!‘ – meinen gleich die klugen Leser. Aber diesmal, Kinder, habt ihr weit daneben geraten. Es war einmal: ein Stück Holz, ja ein ganz gewöhnliches Holzscheit!“ Ich erinnere mich, dass es wohl vor diesem Geschenk schon ein Bilderbuch gab mit Pinocchio und Geppetto, die Illustrationen sind mir noch genau im Kopf. Der Name Pinocchio ist zusammengesetzt aus dem italienischen Wort pino (Kiefer/Pinie), der Verniedlichungsform von pinco, was (nicht nur, aber auch) Trottel bedeutet, und occhio (Auge). Der italienische Schriftsteller und Journalist Carlo Collodi (1826-1890) schrieb die Geschichte, die zunächst ab 1881 in der Kinderzeitschrift Giornale per i bambini in Rom erschien, im Jahr 1883 kamen dann die gesammelten 36 Episoden Le Avventure di Pinocchio. Storia di un burattino erstmals als Buch heraus. Der Entwicklungsroman implizierte pädagogische Absichten. Collodi schaffe es „die kindliche Perspektive in der Erzählung sprachlich und inhaltlich lebendig und humorvoll zu vermitteln“, zitiert Wikipedia eine Quelle, zudem würde er immer wieder hintersinnige Pointen setzen, die sich erst durch „Close Reading“ erschlössen (und schon haben wir wieder etwas gelernt – nämlich, was mit dem Fachausdruck Close Reading gemeint ist). Die Geschichte vom hölzernen Bengele wurde in über 260 Sprachen übersetzt, womit sie auf Platz 3 rangiert hinter der Bibel und Saint -Exupérys Der kleine Prinz. Carlo Collodi, der sich auch für die Unabhängigkeitsbewegung Italiens (Risorgimento) einsetzte, hat übrigens den sehr großen Erfolg seines Pinocchio nicht mehr miterlebt. Aber : „Der Hampelmann hatte sich völlig verändert und lebte ein neues Leben.“ Und warum das? Weil : „Die langen Abende benutzte der fleißige Kleine, um noch besser lesen und schreiben zu lernen.“ (s.S.248 meiner Ausgabe von Die Geschichte vom hölzernen Bengele. Herder, Freiburg-Basel-Wien, 84.Aufl.1968)
