Römische Freuden 3

…im Speisesaal, in dem auch die alte Standuhr ihren Dienst versah, Jahrzehnte später würde die Uhr noch immer in derselben Ecke stehen, aber keine gestrenge Schwester R. würde mehr das Pendel richten und durch die Räume eilen in grauer Tracht mit gestärktem weißen Kragen, die grauen Haare unter der weißen Diakonissenhaube zusammengefasst,

und die strenge, große Schwester R. würde auch nicht mehr staunen, dass sie, die Haustochter, den Boden des Speisesaals knieend aufwischte, wie sie es kannte von zuhause, und nicht mehr ihre Bestimmtheit ablegen für gemeinsames Musizieren mit ihr und einem klavierspielenden Hausgast, der in Zimmer 33 und an der Gregoriana für seine Doktorarbeit schrieb,

der auch einmal predigte in der anderen deutschen Insel, der Kirche in der Via Sicilia, in der sie oft aufgeschaut hatte nach vorn zu den blinkenden Mosaiksteinen der Apsis, wo auf einem blauen Planeten und auf einem Regenbogen Jesus thronte, die Hand zum segnenden Gruß erhoben, und wo sie im Kirchenchor mitgesungen und beim Adventsbazar geholfen hatte,

mit anderen der evangelisch-lutherischen Auslandsgemeinde, Menschen, die bei der Botschaft, an der deutschen Schule oder den deutschen Instituten in Rom arbeiteten, in „ihrem“ Rom, über das sie am fünften Tag nach der Ankunft ins Tagebuch geschrieben hatte, wie schnell man es so lieb gewinnen und sich mit ihm verwachsen fühlen würde,

Rom, der Inbegriff einer Stadt, die Stadt aller Städte, die sie sich vor allem im Laufen angeeignet hatte, schon am ersten Tag war sie mit der munteren J. durchs Forum Romanum spaziert und es war ihr vorgekommen wie ein Traum, all die Säulen, Steine, Gebäude, Triumphbögen, dazwischen die Pinien und Zypressen, und sie war überwältigt, auch vom Raum der Basilica Ss.Cosma e Damiano, der im Gold der Mosaiken funkelte, und hatte geschrieben „ich laufe mitten durch Geschichte“,

wie alles Geschichte atmete und gleichzeitig gegenwärtig war, auch die alten Menschen hoch oben in der Via Alessandro Farnese, auf dem Stockwerk, das übrig geblieben war vom Altenheim und auf dem Schwester E. ihren Dienst versah, die freundliche Krankenschwester und frühere Haustochter, die mit der neuen Haustochter am 2.November auf der Questura den Permesso di Soggiorno einholte,

so dass die vier Monate in der Casa gesichert waren, wo sie am 1.November, ihrem ersten Arbeitstag, um halb acht morgens Zwieback und Kaffee, das richtige Frühstück aber erst um neun Uhr bekommen und in der Küche im Souterrain Kartoffeln geschält, auf den Stockwerken beim Reinigen der Zimmer und mittags beim Abtrocknen geholfen hatte, weil wegen des Feiertages nicht genug römische Frauen da waren,

am Abend aber bereits im Speisesaal serviert hatte, die flotte J. aus der französischen Schweiz hatte sie eingewiesen, denn es musste gelernt sein, das Eindecken mit der korrekten Platzierung des Vorlegebestecks, das Reichen der Teller von der richtigen Seite, das Abräumen mit dem Stapeln der weißen Teller auf dem linken Unterarm,

und es hatte ihr Freude gemacht und sie hatte immer die Freude teilen wollen und nicht nur ins Tagebuch, sondern gleich an die Eltern geschrieben, die sie am Ende der vier Monate besuchen kommen würden, wie sie es bereits am dritten römischen Tag erhofft hatte: „Nur ist es traurig, wenn niemand bei einem ist, dem man seine Freude und seine Gedanken mitteilen kann, ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mir vorstelle, wie ich das alles denjenigen zeigen werde, die mich besuchen kommen“, …

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen finden sich auch in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag 3.Aufl. 2010, siehe auch Blogeinträge vom 20. und 21.Januar)