
…vorgestern konnte ich aber noch einmal anschaulichen Anteil haben an Kusamas „Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit und der Auflösung der Grenzen zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter:innen“, wie es im Begleit-Booklet heißt. Zwanzig Minuten vor Öffnung stand ich im Wintermorgenlicht in der noch übersichtlichen Schlange ruhig wartender und zum Teil lesender Menschen, erhielt problemlos Einlass und genoss den zunächst raschen Gang durch noch leere Säle (unter freundlichen Begrüßungsworten der Aufseher), um als erstes in den im Souterrain installierten Infinity Mirrored Room zu gelangen, was ohne jede Wartezeit möglich war, so dass ich noch einmal zwischen den scheinbar ins Unendliche rankenden Tentakeln schweben konnte, bevor ich langsam die Treppe wieder hinauf stieg und in den neun oberen Räumen einzelne Exponate gezielt aufsuchte.
In Saal 8 hat ein verspiegelter Kubus runde Gucklöcher, die beim Hineinschauen kaleidoskopartige bunte Bilder präsentieren. Wände voller leicht gewölbter Spiegelpunkte, in denen die eigene Gestalt mehr oder minder verformt erscheint (10), bilden den Durchgang zum mit der Nummer 11 versehenen Saal, in dem man einen Blick werfen kann auf die Cover von Kusamas Büchern hustlers grotto – three novellas (verschlungene gelbe Tentakel mit den schwarz konturierten Punktmustern) und violet obsessions – poems (flottierende violette Tentakel) sowie mehrere Videoportraits der Künstlerin betrachten kann, auf einem taucht sie unter breitkrempigem gelben Sonnenhut aus einem Feld von Sonnenblumen auf. Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1995 (Radierung auf Papier) findet sich in Saal 7, es zeigt ein eiförmiges Gebilde mit repetitiven Strichstrukturen (ähnlich wie Bambushalme), das in einen Hintergrund aus der eiförmigen Form folgenden schwarzen Strichen gebettet ist, mich erinnert es an die Draufsicht auf eine Schädelkalotte. Die Künstlerin würde den Prozess des Druckens als eine unerschöpfliche Quelle kreativer Entdeckungen betrachten, meint das Begleit-Booklet und durch die „radikale Beschränkung auf sehr wenige Gestaltungselemente“ ergäbe sich bei den gezeigten Radierungen eine „Art visuelles Alphabet an Mustern“. Das Selbstportrait aus dem Jahr 1972 in Saal 6 aus der Sammlung der Künstlerin bedient sich anderer Eigen-Sinn-igkeiten: eine Collage mit Pastell, Kugelschreiber und Tusche auf Papier setzt die Innenansicht eines Ameisenbaus mitten in eine rosarote Blumenform, die von wundervollen Schmetterlingen umschwirrt ist, eine gebogene schwarzweiße Raupe mit rötlich glänzendem Köpfchen ist unterhalb des Ameisenbaus in die Blume eingefügt. Die Blume steht vor dem Hintergrund einer Winterlandschaft mit tiefliegendem Horizont. Kusama befand sich zu dieser Zeit in einer Umbruchphase, in welcher sie schließlich aus den USA nach Japan zurückkehrte, erfährt man aus dem Begleitheft, und dass der Künstler Joseph Cornell, mit dem sie bis zu dessen Tod 1972 verbunden war, ihr für ihre Collagen auch aus Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen oder Fotografien zur Verfügung stellte.
Inzwischen hatten sich die Säle merkbar gefüllt, neu hereinströmende BesucherInnen waren froh um die Freigabe eines Garderobenfaches und ich um die klare Winterluft im Museumspark, dessen Baumbestände mit dem spiegelpolierten Edelstahl des 2025 für Riehen geschaffenen Infinity Mirrored Room mit dem Titel Illusion Inside the Heart in Dialog treten. In gebückter „Demutshaltung“, wie vorgesehen, konnte ich unverzüglich Eingang finden und im farbigen Licht unendlich gespiegelter Kreise Abschied nehmen von Kusamas Universen.

