
Lesen Sie, lesen Sie, sagt das Buch zu mir, kaum dass ich es in Händen halte, aus alten Beständen habe ich es geschenkt bekommen zum Geburtstag eines groß gewordenen Jemand, der dem meiner Mutter, die ihn seit über zwanzig Jahren nicht mehr feiern kann, nur um einen Tag vorausgeht,
und das mache ich, fast in einem Zug lese ich es, habe ich doch seltsamerweise dieses Buch, das auf 127 Seiten aus einem einzigen, in rhythmischen Schritten laufenden Satz besteht, nicht gekannt, obwohl es nicht nur auf Seite 19 die römischen Freuden für mich bereit hält,
nicht nur die Seite 19, nein, das ganze Buch ist eine einzige Freude für mich, auch wenn es im Laufen wie nebenbei schwerwiegende Themen berührt, Lebensthemen wie Heimat und Fremde, Glauben und Liebe, Krieg und all das, was Menschen sonst noch Menschen bereiten,
es ist die Freude, dass die junge Frau, die über die Terrakottafliesen des Flurs wieder in ihr Zimmer geht, im selben Haus Heimat gefunden hat in einer Fremde wie die 19-Jährige, zu der ich damals in dem fünfstöckigen Gebäude wurde,
das fünfstöckige, von Pflanzen umschmückte Gebäude, in dem nicht nur die junge Frau 1943 unter der Obhut der Kaiserswerther Diakonissen alles hatte, was sie brauchte, sondern auch 1977 die 19-Jährige in ihrem Zimmer im zweiten Stock, das zwar klein war,
an der Fensterseite etwa eineinhalb Meter breit, zur Tür hin etwas breiter und beinahe so hoch wie lang, schätzungsweise dreieinhalb bis vier Meter, ein Bett, ein Nachttisch, ein kleines Tischchen mit Blumen, ein Sekretär, ein in die Wand eingelassener Schrank gegenüber, ein Waschbecken,
und unterhalb des Fensters Regale, davor noch ein Sessel, ein Blick aus dem hohen Fenster auf die zu beiden Seiten mit Bäumen bestandene Via und ringsum die anderen schönen alten Häuser, diese Ecke als Schreibplatz, zumal die Platte des Sekretärs stark wackelte,
alles, was sie brauchte, auch eine Andacht jeden Morgen vor dem Frühstück, eine Terrasse auf dem Dach, wo die imponierende Kuppel der Peterskirche in den Blick rückte, die Vorhalle mit der Wartebank und dem Halbzimmerchen, wo meist die Südtirolerin Maria wachte,
die Südtirolerin Maria, die ihr Leben dem Diakonissenheim verschrieben und die Empfangskarte auf dem Tischchen im Zimmer mit ungelenken Buchstaben beschrieben hatte: Herzlich Willkommen in der Casa, Das Obst ist ungewaschen,
Maria, die die Post verteilte, bei der sich abzumelden hatte, wer das Haus verließ und deren Zettel die 19-Jährige vorfand, wenn sie von ihren Gängen durch Rom wieder in die Via Alessandro Farnese zurückkehrte und zur Haupttreppe ging : Ha telefonato la mamma,
die Mutter hatte angerufen, und eine Rückverbindung war stehend möglich im Telefonzimmerchen, das sich über Eck befand zum Eingangsraum, auf dessen Tisch immer Zeitungen lagen, auch italienische, und wo sie manchmal in den schmalen Sesseln wartete auf andere, die wie sie Haustochter genannt wurden,
(Fortsetzung folgt)

(Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 3.Aufl. März 2010)
(Geburt in Rom – Friedrich Christian Delius‘ bewegende Erzählung einer Schwangeren : literaturkritik.de https://share.google/Juoa9nB3LKZh5VVcw )
