Winterfreuden 4

Die Tramlinie 6 bringt einen an Winterabenden gemütlich in die Schweizer Nachbarstadt. Hat man den Badischen Bahnhof und das Schriftlaufband der Messehallen passiert, geht es nach dem belebten Claraplatz über die mittlere Rheinbrücke und es ist, als öffne sich mit der Fahrt über die Brücke eine festliche Welt, denn Basel präsentiert sich, auch nachdem die Weihnachtsbeleuchtung abgebaut ist, in elegantem Lichterglanz. Aus allen Fenstern des Trois Rois fällt der Schein auf den Rhein, am Marktplatz spart das runderneuerte Globuskaufhaus nicht an Lampen, selbst aus der Barfüsserkirche, die dem Literaturhaus benachbart liegt, leuchtet es durch die hohen Kirchenfenster, obwohl das Historische Museum bereits geschlossen ist.

Im Literaturhaus hat man einen Lila-Ton gewählt, um die Bühne zu illuminieren, auf der gleich Leon Engler, ja was? – zuerst jedenfalls hinter dem kleinen Synthesizer Platz nehmen und den Raum mit einer Komposition beschallen wird, die ihm in der Nacht zuvor im Hotelzimmer einfiel, wie er später sagt. Mit einer ad hoc- Komposition, in der er Elemente der anfänglichen aufgreift und weitere live instant ins Mikrofon gegebene einbaut, wird er nach Lesung und Gespräch auch den Abend ausklingen lassen. Was soll man sagen zu dieser Veranstaltung? Am besten das: Leon Engler hält, was sein Buch „Botanik des Wahnsinns“ verspricht. Er liest mit Modulation, Tempovariation, Rhythmus, ohne je zu überzeichnen, er beantwortet die Fragen der Moderatorin (Ann Mayer, Performerin, Kulturjournalistin etc.) überlegt, unprätentiös, mit Humor und Eigensinn, all das zudem mit einer angenehmen Stimme. Er erzählt, dass er eigentlich habe Musiker werden wollen, das sei nicht geglückt, nun nutze er die Gelegenheit der Lesereisen, um Kompositionen vor Publikum zu Gehör zu bringen und erweitere sein Equipment während der Reise. Als Singer-/Songwriter habe es die Regel gegeben „drei Akkorde und die Wahrheit“, diesen lakonischen Ton habe er auch für seinen Roman haben wollen, zudem sei dies auch der „Psychiatrie-Ton“, vor allem der einer forensischen Psychiaterin, die einmal einen ersten Romanversuch von ihm verrissen habe. Er habe bei der Sprache immer gesucht, wie er es noch einfacher machen könne, wie er Worte finden könne, denen die Zeit Silben abgeschliffen hat. Auf die Frage der Moderatorin, wie denn gewisse Passagen Eingang ins Buch gefunden hätten, antwortet er, sein Gehirn funktioniere so, sehr assoziativ. Außerdem habe er in seinem Roman verschiedene Arten Sprache kombinieren wollen, Fachsprache mit literarischer Sprache, und er habe die (vermeintliche) Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn in ihrer Brüchigkeit und Durchlässigkeit beleuchten wollen.

Im ausverkauften Literaturhaus Staunen, Heiterkeit, Nachdenklichkeit und zum Schluss großer Beifall.

(Leon Engler: Botanik des Wahnsinns. DuMont Buchverlag, Köln 2025)