Ein Strauß Fliegenklatschen

Jetzt, da er nicht mehr da war, wollte sie als erstes die Fliegenklatschen entsorgen. Sie ging langsam durch alle Zimmer und zählte sie. Manchmal half Zählen. Da es in jedem Zimmer zwei Klatschen gab, außerdem weitere im Treppenhaus, kam sie auf eine hohe Summe. Sie ließ die drei übers Treppenhaus verteilten liegen und begann den Gang erneut im Wohnzimmer, dort nahm sie zuerst die schwarze, dann die grüne. Sie ging in die Küche, nahm die gelbe vom Haken und die violette vom Fensterbrett. Weitere im nächsten Raum. Über die Diele – dort war keine – erreichte sie das Esszimmer, griff die hellblaue und eine, deren Orange verblasst war. Sie hielt die hellblaue in die Höhe vors Fenster und betrachtete eine Weile den Himmel durch das Gitterraster der Klatsche, dann legte sie sie rasch zu den anderen, die als Plastikstrauß dem Parkettboden entwuchsen und setzte ihren Gang fort, bis sie das letzte Zimmer unterm Dach erreicht hatte. Im Schlafzimmer fand sie kaputte Klatschen, sie nahm sie, sammelte auf dem Rückweg die drei im Treppenhaus ein und brachte sie zu den anderen. Sie war seltsam zufrieden. Dann fiel ihr ein, dass sie den Keller vergessen hatte und sie eilte rasch hinunter, um die Sammlung zu vervollständigen. Auf der Kellertreppe stand die elektrische, die einem Tennisschläger glich, geeignet für Mücken, Fliegen, Spinnen, hieß es im Internettext zum Produkt, Insekten erhalten beim Berühren des Gitternetzes einen Stromschlag, für Menschen völlig ungefährlich. Sie erinnerte sich nicht, ob die Klatsche einmal zum Einsatz gekommen war. Als sie das Esszimmer wieder erreicht hatte, war sie ein wenig außer Atem, aber im Haus war es still, das gefiel ihr. Sie setzte sich auf einen Stuhl und betrachtete die grellbunte Aufschichtung. Mit Fliegenklatschen kannte sie sich aus, dachte sie. Fünf Stück Plastikfliegenklatschen, einfach zu benutzen, geeignet für Erwachsene, Kinder und ältere Menschen, ein gutes Geschenk für Eltern und Großeltern, sie wiederholte den Werbetext in ihrem Kopf, aus hochwertigen Materialien, robust und für den Preis langlebig. Sogar das Wort niedlich war dem bunten Strauß beigemischt, so dass es ihr nicht schwergefallen war, der abschließenden Bitte des Textes Folge zu leisten: Bitte vertrauen Sie uns. Dass es auch Fliegentöter mit Lederklatsche und Holzstiel gab, war ihr später aufgefallen, sie wurden sogar in Handform angeboten, ohne oder mit Beschriftung des Stiels, zur Auswahl standen Trefferquote 100% und Erwischt euch alle!!! oder Ich mach dich platt!!! Fliegenklatschenexpertin, dachte sie, hatte sie das werden wollen? Auf anderen Gebieten kam sie sich vor wie ein Dummerchen. Waren Fliegen denn dumm? Sie wusste es nicht. Sie wusste, dass Fliegen ihn immer gestört hatten. Die Jagd war wichtig gewesen. Lagen die Gejagten schließlich am Boden, war es gut. Dort blieben sie, das störte ihn nicht. Jetzt wollte sie nicht mehr die Gejagten, sondern die Klatschen fortschaffen. Wie still es war im Haus! – Plötzlich ein Surren, das näher kam. Sie stand vom Stuhl auf, öffnete mit rascher Bewegung die Balkontür und sah der schwarzen Fliege hinterher, die sich im hohen Blau des Himmels verlor.

(Und wer sich jetzt gleichzeitig zu Geräuschen der Fliegen und in Schweizerdeutsch fortbilden will, der clicke auf den Link und schaue das Filmchen: Schlauer i d’Wuche – Warum gibt es laute und leise Fliegen? – Kassensturz Espresso – SRF https://share.google/8w8h56ZYQFJ6i19yi )

(Foto: Insekt auf einem der Kunstwerke des Rehberger- Weges 24 Stops, die inzwischen leider größtenteils abgebaut sind)