Schreiben & Weglassen

Unter dieser Überschrift stand der gestrige Abend im Literaturhaus Basel mit Annette Pehnt und Peter Stamm und deren aktuellen Büchern „Einen Vulkan besteigen“ und „Auf ganz dünnem Eis“ . Man könnte sich jetzt fragen, ob man lieber mit Frau Pehnt den Vulkangefahren begegnet oder mit Herrn Stamm jenen dünnen Eises, zum Glück stellte sich diese Frage gestern nicht, hörte man doch von beiden je zwei Lesungen, dazu gab es ein von Katrin Eckert, der Intendantin des Basler Literaturhauses, moderiertes Gespräch zu den Werkstätten des jeweiligen Schreibens mit Fokus auf Möglichkeiten und Grenzen der Verknappung:  „Wieviele Worte braucht es, um Leben zu beschreiben?“

Der 1963 im Kanton Thurgau geborene Schweizer Schriftsteller Peter Stamm ist seit langem bekannt für eine schnörkellose und prägnante Sprache, er arbeitet oft mit Hauptsätzen. Der Stil des Schreibens habe viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, sagt Stamm, er sei eben einfach so. Bei seinen Romanen sei allerdings schon ein etwas anderes Schreiben erforderlich, mit mehr Entspannung, man könne nicht 300 Seiten lang gespannt bleiben. Immer aber habe er den Wunsch, dass man seine Figuren so kennenlerne, wie man in der Realität Menschen kennenlernt, als Begegnung. Für seinen neuen Erzählband habe er Lust gehabt, wieder an seine Wurzeln als Journalist anzuknüpfen und weg zu kommen vom autofiktionalen Schreiben, und er habe dafür auch wie ein Reporter Orte seiner Erzählungen aufgesucht, um sie zu spüren. Form sei ihm wichtig, sie entwickele sich aber eher aus dem Raum, in dem er sich bewegt und in dem er das Material findet, man müsse dann ein Gefühl für das Material entwickeln.

Die 1967 in Köln geborene, in Freiburg im Breisgau wohnende und an der Stiftungsuniversität Hildesheim lehrende deutsche Schriftstellerin Annette Pehnt erzählt, dass sie beim Schreiben immer von einer Dringlichkeit ausgehe, die mit Lebensfragen zu tun habe. An die Frage würde sich dann das Material binden, sie suche dann eigentlich immer eine neue Form, die zur Frage und zum Material passen würde, aber dies nicht als leere Übung. Eigentlich suche sie in Texten (auch als Leserin) immer nach einem Suchen. Die erste Geschichte ihres Bandes „Einen Vulkan besteigen – Minimale Geschichten“ war auf Einladung als Teil des Projektes „LiES! Literatur in einfacher Sprache“ entstanden, sie sei dann so angefixt gewesen, dass sie auf die Art weiterschreiben wollte und sich für weitere Geschichten die Regeln der einfachen Sprache auferlegt habe, mit dem Stilmittel der einzeln stehenden Sätze, nur einer Information pro Satz etc.

Dann sagt Annette Pehnt selbst etwas, das genau meine Leseerfahrung bestätigt (ich hatte das Buch vor dem gestrigen Abend etwa zur Hälfte gelesen): man könne nicht viele Geschichten hintereinander lesen, sondern müsse das Buch immer wieder aus der Hand legen. Was Peter Stamm zur humorvoll gemachten Bemerkung veranlasst, man könne der Lektüre ja einen Beipackzettel mitgeben. Für mich interessant war, dass ich während Pehnts Lesung die Texte doch anders wahrnahm als beim Selbstlesen, in einem anderen, doch mehr fließenden Rhythmus, weniger abgehackt. Frappierend auch, was während der Lektüre der Minimalgeschichten an Empfindungen und Vorstellungen zu den Figuren und zum Sujet in einem entsteht.

Peter Stamms neuer Erzählband kommt auf meine „Noch-zu-Lesen-Liste“, einstweilen hatte ich begonnen, seinen 2021 bei S.Fischer erschienenen Roman „Das Archiv der Gefühle“ zu lesen.

(Annette Pehnt: Einen Vulkan besteigen. Minimale Geschichten. Piper-V. 2025)

(Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S.Fischer-V. 2025)