Winterfreuden 2

Gegen Ende des vergangenen Jahres fiel mein Blick auf dem Tisch einer Buchhandlung auf zwei benachbart ausliegende Bücher. Beide sind mit Covern versehen, die einen sofort anziehen. Das eine, im Spätsommer erschienene, kannte ich schon (habe es bereits zum zweiten Mal gelesen), das andere schaute mich an, mit Augen schwebender Zwitterwesen: braune Iriden, in denen der Lichtreflex schimmert, sind zwischen lange Schnäbel und halbe Blüten gebettet. Auch der Titel hatte etwas Lockendes „Botanik des Wahnsinns“ und der Name des Autors las sich fließend. Aber ich kannte den Autor nicht und ich hatte auch bis dahin nirgendwo etwas über das Buch gelesen. Ich nahm das zuoberst liegende Exemplar in die Hand, drehte es um und las auf der Rückseite des Einbandes nicht nur Sätze, die Siri Hustvedt und Doris Dörrie zu diesem Debütroman geäußert hatten, sondern auch zwei Fragen: „Was ist ein normaler Mensch? Hast du schon einen getroffen?“ (die beiden Fragen sind im Buch auf S.29 zu finden, mit wunderbarer etymologischer Erläuterung des Wortes „normal“), ich drehte das Buch wieder um, schlug es auf, um den ersten Satz zu lesen – und ja: der Anfang hatte mich – um es mal so salopp auszudrücken. Ich habe inzwischen das vielfältige (der Klappentext stellt „Familienanamnese, Schelmenroman, Lehrstück in Empathie“ zur Auswahl) und oft überraschende Buch mit Vergnügen gelesen. Ganz nebenbei kann sich, wer will, bei dieser Lektüre auch über psychiatrische Diagnosen, Symptome und Therapien fortbilden (und über die Unmöglichkeit, Menschen mit ihren Eigentümlichkeiten zu kategorisieren und katalogisieren!).

Der 1989 in Osterzell (Ostallgäu) geborene Leon Engler wird im Wikipedia-Eintrag als deutscher Theater- u. Hörspielautor und Dozent angegeben. U.a. hat er in Wien und Paris Theaterwissenschaften, in Berlin Kulturwissenschaften und in Berlin und Köln Psychologie studiert. Er lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien literarisches Schreiben. 2022 wurde er beim Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet, nach zahlreichen veröffentlichten Theaterstücken, Hörspielen und Kurzgeschichten ist „Botanik des Wahnsinns“ sein Romanerstling, erschienen 2025 im DuMont Buchverlag, Köln. Am Donnerstag, den 15.Januar wird Leon Engler um 19 Uhr im Literaturhaus Basel lesen, ich bin gespannt auf den Abend.

(Foto: 3.Januar 2026)