Niemand wusste, wo sie wohnte. Jeder sah sie gehen, über das Pflaster der Stadt, im hellgrauen Mantel, eine schwarze Bügeltasche hing an kurzem Henkel über ihrem rechten Unterarm, den sie fest an die Brust drückte. Ihre Beine waren krumm, die Fesseln noch schlank, stets trug sie feine Schuhe, obwohl ihre Schritte schwer geworden waren und kurz. Die linke Hand griff den Knauf eines Gehstocks wie einen Fremdling, ein Hut verdeckte ihr Haar, das die Farbe des Mantels angenommen hatte. Kinder machten sich einen Spaß daraus, ihr nachzulaufen, sie zu überholen, wild zu feixen und allerlei krause Worte nach ihr zu werfen, aber sie beachtete sie nicht und murmelte nur unverständliche Silben vor sich hin. Einmal schnappte ein Hund nach ihrer Handtasche, da erschrak sie und klemmte sie noch fester an sich. Der breitkrempige Hut beschattete die Augen, die vor ihren Schritten her liefen und noch alles wahrzunehmen schienen. Manchmal sah man sie auf einer Bank sitzen, hoch oben über der Stadt, niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war, Vögel pickten neben ihren schmalen Füßen, die auf dem Kies ruhten. Einmal öffnete sie den Metallbügel der alten Handtasche und verlor sich lange an deren Inneres. Es war leer.

(Foto: Fund beim Neujahrsspaziergang)
